Das »Tausendjährige Reich« währte – das wird in der Erinnerung leicht vergessen – ganze 12 Jahre. Sechseinhalb Jahre Frieden – fünfeinhalb Jahre Krieg. Den Großteil dieser erlebnisreichen Zeit verlebten wir – meine Schwester Dorothee und ich – in Essen, und zwar in Bredeney. Mit Hitlers Machtübernahme hatte es unsere Familie – unser Vater war als preußischer Landrat politischer Beamter – aus dem schönen Schlesierland mit einem dreijährigen Zwischenspiel in Düsseldorf im Jahr 1936 nach Essen verschlagen. Meine Schwester war damals elf Jahre alt (Jahrgang 1924), ich selber neun (Jahrgang 1927). Unsere Straße »Am Ruhrstein« war nur partiell mit Häusern bestanden; die Hälfte der Grundstücke war noch unbebaut. Mit unseren Freunden spielten wir jeden Tag stundenlang auf der Straße Völkerball, nur gelegentlich unterbrochen von einem herannahenden Automobil. Der Schulweg zum Gymnasium führte über Stoppeläcker, auf denen wir mitunter Kartoffelfeuer
anzündeten. Wer in der Nähe wohnte, erreichte die Schule per pedes oder per Fahrrad. Vereinzelt wurden einige auch mit dem elterlichen Auto zur Schule chauffiert.
Kaum an die Macht gelangt, griffen Hitler und seine Partei nach der Jugend. Das »Gesetz über die Hitlerjugend« wurde zwar erst am 1.12.1936 erlassen, doch gab es seit 1933 zunehmenden Druck auf die Geburtsjahrgänge ab 1923, den entsprechenden Partei-Gliederungen beizutreten. Der Leitsatz des Gesetzes bestimmte, dass »die gesamte deutsche Jugend außer in Elternhaus und Schule in der Hitler- Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen« sei. Der »Reichsjugendführer« erhielt die Stellung einer Obersten Reichsbehörde und war Hitler unmittelbar unterstellt. In der Folge war der Dienst bei den Jungmädeln bzw. bei den Pimpfen für meine Schwester und mich wie auch für alle unsere Freunde ein fester Bestandteil unseres Lebens. Wir trugen jeden Mittwoch und Samstag unsere Uniform – oft bereits während des Schulunterrichts – und versammelten uns sodann um 15 Uhr an bestimmten Plätzen zum »Antreten«.

Meine Schwester war ein sehr agiles Mädchen, kontaktfreudig, engagiert, begeisterungsfähig und organisationsbegabt. Für sie war der BDM-Betrieb ein willkommenes Betätigungsfeld neben Familie und Schule. Schon bald brachte sie es zur Führerin der Jungmädel- Gruppe Bredeney und später auch zur Ringführerin, der die Gruppen Bredeney, Alfredusbad und Flora unterstanden. Als ihr Bruder profitierte ich von ihrer großen Beliebtheit, die auf mich abfärbte. Mit Ideologie hatte dies nicht allzu viel zu tun, wesentlich mehr mit Spiel, Sport und »Wehrertüchtigung«. Auch in der Schule spielte der Sportunterricht eine große Rolle; nahezu täglich stand Sport auf dem Stundenplan. Auf dem Sportplatz an der Meisenburgstraße, der auch heute noch besteht, fanden die großen Schulsportfeste statt ebenso wie die sportlichen Leistungswettkämpfe der Hitlerjugend. Es gab das DJ- und das HJSportabzeichen wie später auch die entsprechenden Schießabzeichen und andere begehrte Leistungsnachweise.
Der »Dienst« bestand aus Heimabenden, bei denen vorgelesen, erzählt oder gemeinsam gesungen wurde. Das Lernen der Liedertexte nahm einen breiten Raum ein. In den Liedern mit ihren meist eingängigen, gekonnt komponierten Melodien wurde das kommende Unheil teilweise bereits vorweg genommen:

Wildgänse rauschen durch die Nacht
mit schrillem Schrei nach Norden
unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht
die Welt ist voller Morden.

Ansonsten beteiligten wir uns an Aufmärschen bei wichtigen Anlässen oder standen Spalier – beispielsweise beim Besuch von Hitler und Mussolini in Essen. An kalten Winternachmittagen standen wir stundenlang mit der Sammelbüchse an einer Straßenecke, um für das Winterhilfswerk Geld zu sammeln. Im Sommer gab es Wanderungen, Geländespiele, Fahrten in die Umgebung und Zeltlager, auch Einsätze auf Kartoffelfeldern, um den Kartoffelkäfer zu jagen oder ähnliches im Dienst der Volksgemeinschaft.

Daneben sammelten die Oberschüler und -schülerinnen auch fleißig Kartoffelschalen und andere als Schweinefutter geeigneten Abfälle, die morgens in große Behälter im Schulhof geschüttet und von den umliegenden Landwirten abgeholt wurden. Wer besonders erfolgreich gesammelt hatte, wurde durch eine Urkunde mit den Unterschriften des Schulleiters und des Ortsgruppenführers der NSDAP ausgezeichnet.
Die konnte er sich dann übers Bett hängen.
Die Kriegswinter 40/41 und 41/42 waren in unseren Breiten – und leider auch an der Front in Russland – besonders schneereich. Wir richteten uns im Kruppwald rasante Ski-Abfahrtsstrecken und kilometerlange Rodelbahnen ein, auf denen nachmittags und abends Hochbetrieb herrschte. Regelrechte Meisterschaften wurden hier ausgetragen. Die abendlichen Rodelpartien – zumal bei Mondschein – standen natürlich bei Mädchen wie Jungen hoch im Kurs. Die Freundschaftsbande, die hier geknüpft wurden, setzten sich in der gemeinsam besuchten Tanzschule fort. Getanzt und gefeiert wurde praktisch während des ganzen Krieges, nur unterbrochen von der großen Staatstrauer nach der Katastrophe von Stalingrad.
Auch als wir im Februar 1943 als Flakhelfer eingezogen wurden und die ganze Klasse zunächst am Flak-Scheinwerfer Dienst tat, ging die Tanzstunde weiter mit der Auflage, bei Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein.
1941 lief die Kinderlandverschickung an.
Nach und nach wurden alle Schulen in Gebiete evakuiert, die vom Luftkrieg noch verschont waren. Meine Schwester tat als »Lagermannschaftsführerin « mehrere Monate Dienst in Mährisch-Weißkirchen (Jetzt: Tschechien). Ein Jahr später wollte es der Zufall, dass ich in demselben KLV-Lager – das inzwischen zum Jungenslager umfunktioniert war – als Führer eingesetzt wurde. Mit meinen damals 15 Jahren musste ich 60 Jungen »Vater und Mutter ersetzen « – sie waren nur zwei Jahre jünger als ich. Eine erlebnisreiche Zeit, zumal damals gerade tschechische Widerstandskämpfer den »Reichsprotektor Böhmen und Mähren«, Reinhard Heydrich, auf offener Straße erschossen hatten.
Die vielen Stunden, die die Familie ab 1942 Nacht für Nacht im Luftschutzkeller verbrachte, nutzte meine Schwester zum Pauken für das bevorstehende Abitur. Wir hörten ihr unverdrossen die lateinischen und französischen Vokabeln ab, während draußen die Flakkanonen donnerten und die Bomben krachten. Der Mensch gewöhnt sich auch an absurde Situationen.
Nach den Luftangriffen telefonierten sich die Freunde zusammen, um gemeinsam zu löschen, wo es brannte. Als meine Schwester schließlich im Frühjahr 1943 die mündliche Abiturprüfung ablegte, tat sie dies in den Resten der in der Nacht zuvor schwer zerbombten Grashofschule. »Die Lehrer waren gütig und milde …« notierte sie in ihrem Tagebuch.
Während unserer Flakhelferzeit an der Kanonenbatterie in Schuir kamen die »Pauker« einschließlich des verehrten »Direx« zum morgendlichen Unterricht in die Flakstellung geradelt. Wenn mitten in der schriftlichen Deutscharbeit über »Wallenstein« Fliegeralarm gegeben wurde, blieben die Hefte in der Baracke auf den Tischen liegen, während wir unsere schweren Geschütze bedienten. Anschließend wurde weiter geschrieben – verständnisvoll registrierten wir, dass den Lehrern von dem Höllenlärm noch die Knie zitterten. Wir fühlten uns schon sehr erwachsen und sahen den kommenden Ereignissen gefasst und gelassen – heute würde man sagen: cool – ins Auge.
Das dramatische Ende des Krieges erlebten meine Schwester und ich »fern der Heimat«. Dorothee wurde nach dem Abitur zum Reichsarbeitsdienst nach Pommern einberufen und leistete anschließend Kriegseinsatz in einer Munitionsfabrik in Siegen. Es folgte auf Wunsch der Eltern die Ausbildung auf der Landfrauenschule Birkelbach bei Erndtebrück, wo sie beim Herannahen der Front mit den wenigen dort verbliebenen Lehrerinnen und »Maiden« ein Hilfslazarett einrichtete und verwundete deutsche Soldaten pflegte.
Währenddessen hatte auch ich die obligatorischen drei Monate beim Arbeitsdienst in Ostpreußen abgeleistet. Kaum wieder in Essen, erreichte mich im November 1944 die Einberufung zum Wehrdienst bei der Luftwaffe, zu der ich mich freiwillig gemeldet hatte. Diesmal lautete das Ziel Gotenhafen (Gdingen) bei Danzig.
Nach ständigen Verlegungen quer durchs Reichsgebiet – ich war inzwischen 18 Jahre alt – wurden wir schließlich zur Verteidigung von Berlin eingesetzt. Nach der Kapitulation der Reichshauptstadt am 3. Mai 1945 kam ich in den zweifelhaften Genuß sowjetischer Kriegsgefangenschaft, aus der ich mich nach wenigen Tagen befreien konnte. Drei Wochen lang dauerte mein Fußmarsch quer durch Brandenburg und Mecklenburg nach Westen, dann hatte ich es glücklich bis zu meinen Verwandten in Lübeck und damit in die Freiheit geschafft.
Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches brach auch für meine Schwester und mich eine Welt zusammen. Es währte lange, bis wir begriffen, dass wir bei allem jugendlichen Idealismus einem in vieler Hinsicht verbrecherischen System gedient hatten. Das zu verarbeiten war schwer und dauerte Jahrzehnte. Wenn auch die Ideale unserer Jugendzeit keinen Bestand hatten und wir heute wissen, dass unser Idealismus missbraucht wurde und viele von uns hierfür mit ihrem Leben bezahlen mussten, dachten und denken wir an diese Zeit ohne Ressentiments zurück.
Vor zwei Jahren ist meine Schwester, die nach dem Krieg in Berlin lebte, 83jährig verstorben, betrauert von einer großen Kinder-, Enkel- und Urenkelschar. Es macht mir Freude, gemeinsam mit ihren vier Töchtern ihren literarischen Nachlass, sprich ihre Tagebücher und ihre unendliche Korrespondenz zu sichten und zu ordnen. Bis zum Ende ihres Lebens hat sie sich in großer Verbundenheit ihrer Schulzeit am Grashofgymnasium erinnert, wie auch ich mich immer gern und dankbar an meine alte Bredeneyer »Penne« erinnern werde.

Hans-Hermann Hüttenhein
Dieser Bericht ist die gekürzte Fassung eines Beitrags für
die Festschrift zum 100jährigen Bestehen des Grashof-
Gymnasiums in Essen-Bredeney, gefeiert am 18.9.2010.